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Article
Stefaan Van Biesen legt ein Ohr auf das Gras
[ 1998 ] |
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Die Stadt Lokeren schafft es immer wieder, mit ihren bescheidenen
sommerlichen Freilichtausstellungen im Park Ter Beuken ein hohes Niveau
zu erreichen. Diesen Sommer geht Stefaan Van Biesen eine intensive
Konversation mit der dunklen, märchenhaften Seite des Parks, mit seinen
jahrhundertealten Bäumen, ein. Der Künstler behauptet, den Park vor
allem 'als ein imaginäres Zimmer, in dem ich mich aufhalte', zu
betrachten. Dieser Aufenthalt resultierte in einer prächtigen
Ausstellung. |
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Ein Ohr auf das Gras, der Titel der Austellung, verweist "auf meine
Situation als Observator und aufmerksamer Zuhörer, auf der Dialektik des
Ortes. Ich möchte da fast anonym sein und darin mental verschwinden, so
dass nur das Gezeigte ein Rest oder verträumtes Zeugnis meiner
Anwesenheit während des Vorbereitungsprozesses ist." Also ein Zitat aus
dem Katalogtext von Johan Pas. Aber man braucht den Katalog nicht, um
diese Austellung zu genießen. Die Figuren von Stefaan Van Biesen
sprechen selbst. Sie sind einigermaßen altmodisch-romantisch, aber
übersteigen die Kategorisierung dank ihrer faszinierenden förmlichen
Artikulation. |
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Die Steinfigur, die von einem hohen Ast senkrecht nach unten hängt,
Baldrian, ist atemraubend schön, besonders auch durch die perfect
stilisierte Ausführung. Das senkrecht wie ein Tieflot nach unten
gerichtet sein, wird verstärkt durch das nach oben Ragen von zwei Riemen
mit Querverbindungen, in denen die Figur aufgehangen wurde, so dass die
Illusion von Höhe verstärkt wird. Die Steinfigur selber erinnert durch
ihre polierte Form auch an ein Tiefenlot. Es ist eine Art von flachem
Kegel, der durch die stilisierte Nase ein abstrahiertes menschliches
Gesicht bekommt. Unter der straffen Form schlummert dennoch auch etwas
Verwirrendes: ein Mensch, der mit seinem Kopf nach unten hängt. |
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Es ist das erste Standbild, das schon auf 1993 datiert, dem man an der
Seite des sich schlängelnden Pfades im Park mit Teichen begegnet. Die
zweite Figur findet man gegen die alte Mauer an der anderen Seite des
Pfades gelehnt. Es ist eine braune viereckige Säule mit einer bossierten
Nase darauf gesetzt und obenauf einige Zweige und Laub als Krone. In
diesem Standbild, das unsere kindliche Einbildung anspricht und in dem
Bäume menschliche Züge bekommen, kreiert Van Biesen eine Spannung
zwischen der geometrischen Form einer Säule und die organischen Elemente. |
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Der Kontrast ist ebenfalls im fabelhaften Flüsterhäuschen (1998), das am
Fuße eines dicken Baumes steht, versteckt. Das Häuschen mit seiner
straffen Form lehnt sich mit seinem schrägen Dachspitz an den Stamm. Es
verleitet uns auf einer künstlichen Weise durch den Spalt in der
Hinterwand, durch die man nur einen Streifen des Stammes sehen kann, zur
Natur zu gucken. Auch hier gibt es den Gegensatz zwischen Kultur und
Natur, der kennzeichnend ist für den Park. Als romantische Kreation aus
dem 19. Jahrhundert hat dieser öffentliche Park auch einen ambiguen
Charakter: ein Stückchen gezähmte Natur in einem städtischen Kontext, wo
man zur Ruhe kommen kann, dennoch auch ein Ort von Kinderlockern und
Vergewältigern. |
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Die Ambiguïtät ist zum Beispiel spürbar im Kunstwerk mit den Kissen, die
hoch an den Stämmen der Bäume gebunden sind. An der Vorderseite der
Kissen sind Abbildungen von Füßen abgedruckt: Bilder eines früheren
Videohappening, wobei Van Biesen wie ein Wilder und in Weinlaub gehüllt
auf dem Parkett tanzt. Der mythische Wilde ist in diesem Happening eine
bittere Parodie auf den Mythos des Naturmenschen. |
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Die Skulptur Landscape/Mindscape ein Stück weiter, ist ein hängende,
transparente Haube mit einem Holzrand in Augenhöhe. Wenn man darunter
steht, kommt man in eine andere Welt. Die Haube wirkt wie eine Art von
Lärmfänger: was vorher noch unausgesprochen Hintergrundlärm war,
erscheint jetzt in einzelne Komponenten auseinanderzufallen. Man wird
sich zum Beispiel des Wassers, das ein Stückchen weiter in den Teich
fließt, vollkommen bewusst. An der Innenseite ist auf dem runden
Holzrand ein Panorama eines ausgedehnten Feldes mit Bienenkörben in
Augenhöhe angebracht. Wenn man sich eine Weile unter der runden Haube
aufhält, verliert man seine Orientierung. Van Biesen kann also starke
Erfahrungen erdulden lassen, auch ohne eine romantische, formelle
Sprache in Anspruch zu nehmen. |
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Bienenkörbe sind nicht nur auf dem Panorama unter der transparenten Haube abgebildet. Van Biesen stellte auch einen an die andere Seite der kleinen Steinbrücke. Das Kunstwerk ‘De werkster’ (= die Arbeiterin) besteht aus einem einfachen, rechteckigen Bienenkorb und daneben ist ein enormes Ballkleid an einem Faden. Das letzte Werk in Park Ter Beuken mit ausgegrabenen Schatten eines Seiltänzers im Rasen geht etwas schief. Dennoch entpuppt Stefaan Van Biesen sich in dieser Freilichtausstellung als ein interessanter, 'melancholischer' Künstler, der die Aufmerksamkeit völlig verdient. |
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Eric Bracke,
De Morgen,
De Morgen, June 1998. |
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