![]()
Articles Ausschnitte aus:
Die figurative Bibliothek:
Phantasie und zeitgenössische Kunst in der öffentlichen Bibliothek
„Bibliotheek- & Archiefgids“, Nr. 4, August 2003.durch Geert Vermeire
Kunst wird im Gegensatz zu anderen Kulturäußerungen nicht unmittelbar mit Bibliothekwerk im Zusammenhang gesehen. Dennoch ist Literatur ein Medium, das in der Welt der Museen selbstverständlich geworden ist. Museen sind schon lange keine lautere Kunsttempel mehr, sondern öffentliche Häuser, wo nicht nur die Kollektion, sondern auch die Phantasie in allen ihren Aspekten im Mittelpunkt steht. Museen tun mehr als aufbewahren. Sie gehen auf die Straße. Sie stellen sich in Frage und gehen einen Dialog mit dem heutigen Publikum ein. Die Schriftsteller und die Literatur werden eingeladen, dazu beizutragen. In diesem Artikel möchten wir aufzeigen, ob sich die Bibliotheken hieran spiegeln können und was die zeitgenössische Kunst den Bibliotheken zu erzählen hat.
Kunst und Sprache Historisch gesehen sind bildende Kunst und Sprache schon immer eine spezielle Beziehung eingegangen. Der Reflex Wort und Bild einander gegenüberzustellen, ist im allgemeinen westlich kulturell bestimmt. Wort und Bild sind untrennbar. Dichter, Philosophen und Maler sprechen dieselbe Sprache. Belgien spielt sogar in der ganzen Welt eine einmalige Rolle, was der Dialog zwischen Kunst und Wort betrifft. Und das schon seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute. In keinem anderen Land fand und bekam das Wort einen so wichtigen Platz in der bildenden, Objekt- und Konzeptkunst. Die Werke von René Magritte, Cobra, Christian Dotremont, Marcel Broodthaers, Jef Geys, Denmark, Fred Eerdekens, Patrick Corillon, Gaston De Mey und vieler anderer existieren dank dem Wort. Die berüchtigte ‘blauwe bic’-Kunst von Jan Fabre ist eine Variation über dieses Thema. Aktuelle Künstler wie Wim Delvoye, Thierry De Cordier und Stefaan Van Biesen integrieren Wort und Bild von einem ganz individuellen Erlebnis der Welt aus. Bei „Brieven uit Schoorisse“ und „Brieven aan een Boom“ von De Cordier und Van Biesen verschwindet das Bild vollständig, nur das Wort bleibt übrig. Das Werk von diesen Künstlern lässt uns an systematischem und unaufhörlichem Zweifel teilnehmen. Thierry De Cordier isoliert sich in seinem Gemüsegarten. Via die Schrift radiert der Künstler sich aus und möchte er Bericht einer vollständigen Zurückziehung erstatten. In „Brieven uit Schoorisse“ (1988-1998) bleiben nur die Landschaft, die Stille und die Abwesenheit übrig. Die Schrift löst sich auf.
„Brief an einen Baum“ (1996-1997)
„Brieven aan een Boom“ (1996-1997) von Stefaan Van Biesen drücken fundamentale Fragen über Kommunikation und Sprache aus. Das Erlebnis der Natur kann in keiner Sprache zum Ausdruck gebracht werden, es kann nur gespürt werden. Die 38 Briefe von Van Biesen bilden eine intime, verwundbare Bibliothek und werden in einen Koffer, einen Schrein gelegt und geschlossen: Was bleibt ist ein Bild. Was ist denn die Existenzgrundlage der Sprache? In diesen Kunstwerken wird dem Publikum die Sicherheit des Textes abgenommen und auf sich zurückgeleitet mit den Fragen: ‘Wer bin ich ohne Sprache? Was bedeutet eine Welt ohne Wörter für mich?’. Die Werke von De Cordier und Van Biesen sind Bibliotheken von Phantasie. Sie bewahren empfindliche Wörter in einem Schrein auf. Sie betrachten Wörter wie Schmetterlinge, stark im Flug, zerbrechlich wenn in Ruhe.
Das Buch als bedrohtes Objekt ist mehr als je anwesend in der zeitgenössischen Kunst. Inhärent hieran ist die Darstellung der Bibliothek als Schrein und das in Frage stellen davon…
'die markierte Zeit',1996.©Stefaan van Biesen
Die Bibliothek von Sicht des zeitgenössischen Künstlers aus Die zeitgenössische Kunst guckt fasziniert und mit Grausen in die Bibliothek als Schrein, als Mausoleum. Die Installation ‘SKIN’ von Stefaan Van Biesen zeigt dieses begeisterte Gucken. Dieses Werk besteht aus einer Rekonstruktion einer imaginären Bibliothek wie sie auf dem Gemälde ‘San Girolamo nello studio’ (ca. 1474) von Antonello da Messina im Museum National Gallery in London zu sehen ist. Der Einsiedler auf diesem Gemälde liest ein Buch in seiner Bibliothek. Die Bibliothek ist eine Holzkonstruktion, eher ein Podium, das in einem geweihten gotischen Raum steht. Es gibt Durchblicke in diesem Raum auf eine ruhige Landschaft. Der Leser ist sich keiner Landschaft bewusst. Auf der Schwelle des Gebäudes warten Vögel. Sie singen in einer für den Gelehrten unbegreiflichen Sprache. Van Biesen bildete die Bibliothek nach. Es ist die Absicht, diese imaginäre Bibliothek innerhalb einer bestehenden Bibliothek aufzustellen. Es ist ein Transitraum. Eine offene Bibliothek, durch die man wandern kann ohne die zu betreten. Ein leerer Ort in und aus der Welt. Gleichzeitig ist es eine genaue Rekonstruktion der Bibliothek im Gemälde. Der Künstler macht die Bibliothek buchstäblich zugänglich.
Die Installation wird durch Videos von Bibliotheken ergänzt. Aufnahmen von Buchwänden und Interieure von Schriftstellern, Künstlern und Philosophen wechseln sich ab. Die Bücher sind sichtbar aber unberührbar. Das Buch ist dort als Träger von Erkenntnis, aber mit einer Einladung zu gucken, nicht um es zu lesen. Das Werk trägt ein Verstummen, eine wortlose Erfahrung über. Dies wird durch die Anwesenheit von großen monochromen Tüchern verstärkt. Farbe, nicht das Wort, beginnt hier eine Interaktion mit dem Besucher. Die Installation wird mit einer ‘Wanderbibliothek’ abgerundet. Einige Regale werden zwischen identischen Regalen mit Büchern der Gastbibliothek gestellt. Um diese Regale zu füllen, lud der Künstler Hundert Menschen ein, um einen besonderen Moment aus einer Wanderung in einem Glastopf zu konservieren. Diese Bibliothek von Erlebnissen beginnt einen Dialog mit den Tausenden (anderen) Bücher in der Bibliothek, wo das Kunstwerk gebaut wird. Die Glasbücher laden sie zum Wiederspiegeln des Erlebnisses ein.
![]()
![]()
'Wanderbibliothek', De Werft Geel 2004, Belgien. ©Stefaan van Biesen.
In der Bibliothek von Bredene wurden anlässlich des Kunstprojektes ‘Verticale Stromen’ (2002) sieben zeitgenössische Künstler eingeladen, um ihre Bibliothekvision in und um dem Gebäude Form zu geben. Jeder Künstler wurde gebeten, ein Garderobenschränkchen am Eingang der Bibliothek zu füllen… Stefaan Van Biesen nannte sein Schränkchen ‘De droom van de tuinman III’ (= der Traum vom Gärtner III). Es zeigte da einen kleinen Garten mit Erde und aufblühenden Wortstreifen. Die Schuhe des Gärtners (Bibliothekars) standen untätig im kleinen Garten. Er suggeriert einen Bibliothekar, der das Wachstum der Wörter in einer Bibliothek als lebendigem Garten für jeden fordert. Vom selben Künstler gab es auch noch das Werk ‘De gemarkeerde tijd’ (= die markierte Zeit): ein überraschender Büchertisch in der Bibliothek. Auf der Tischplatte war eine Landkarte der Phantasie gezeichnet. Auf dieser Karte gab es in Honig getränkte Bücher. Die Tischbeine standen ebenfalls in Honigtöpfen. Honig strömt figürlich aus den Büchern über den Tisch. Eine Bibliothek fängt den Honig (Phantasie) auf und bietet diesen dem Besucher an.
…Stefaan Van Biesen realisierte mit Jugendlichen eine riesige Phantasielandkarte auf den Terrasentüren und nannte das Werk ‘Het land van Zijn, is’. Jugendliche kartierten ihre eigene emotionelle Welt und bauten bildende Brücken zu den Ländern der anderen Teilnehmer…
Geert Vermeire
'Het Land van Zijn, is'. ©Stefaan van Biesen.
top
Back