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Der philosophische Pfad
Der philosophische Pfad von Stefaan van Biesen

Mancheiner hat im Museum National Gallery in London das Gemälde ‘San Girolamo nello studio’ von Antonello da Messina wohl mit einiger Verwunderung und mit fragenden Augen betrachtet. San Girolamo ist bei uns besser bekannt als Hieronymus. Meistens wird der Heilige als Einsiedler, der in fürchterlichen Verhältnissen lebt, dargestellt. Denken wir mal am bekannten Tafelbild von Jeroen Bosch im „Gentse Museum voor Schone Kunsten“. Wir können da den Einsiedler sehen, der sich in seinem Unterkleid auf das Kruzifix geworfen hat. Hinter ihm entfaltet sich eine ruhige und glänzende Landschaft, der Einsiedler hat keine Augen dafür.

Freiwillige Absonderung

Antonello da Messina stellt den Einsiedler in einem Studierzimmer, einer offenen Konstruktion, wo der Kirchenvater sich zurückzieht, dar. Die Holzkonstruktion ist Bestandteil eines großen Ganzen, eines imaginären, gotischen Raumes, der sowohl an eine Kirche wie ein Palazzo verweisen kann. Es gibt ranke Säulen und Durchblicke auf die Landschaft, aber die sind nur für den Zuschauer, nicht für die Figur, die sich dort zurückgezogen hat. Er hat sich freiwillig in ein starr strukturiertes Studio mit eigentlich nur zwei Wänden abgesondert. Das Studio ist etwas über der Welt erhaben, es ist wie ein Podium. Der gelernte Kirchenvater liest ein Buch und ist von diversen Gegenständen umgeben. Er studiert die Welt nicht durch unmittelbare Beobachtung aber mittels Studienmaterial, er studiert die Welt, aus der er sich zurückgezogen hat. Vergessen wir nicht, daß der Mann ein Mönch und ein Gelehrter war, er steht für die lateinische Standardversion der Bibel, die Vulgata. Seine Kardinalswürde wurde ihm postum zuerkannt, daher der rote Mantel und Kardinalshut, Attribute mit denen er meistens dargestellt wird.

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©National Galery London  San Girolamo nello Studio  Antonello da Messina
     
Der philosophische Pfad

In diesem Zustand von Zurückgezogenheit aus der Welt erkennen viele Künstler, Wissenschaftler, Philosophen sich selbst und ihre eigene Situation. So auch Stefaan van Biesen, der eine Installation realisieren möchte, die genau von diesem intrigierenden Gemälde ausgeht. Er schreibt über den Gelehrten in seinem Vorbereitungsdossier: “Es ist eine mentale Reise, die er unternimmt, als ob er durch den Gedanken sich selbst in andere, noch unbekannte Gebiete transponieren kann. Es sieht so aus, als ob sein Studio die einzige Welt ist, die er wirklich kennt. Das Studio ist eine Projektion seines eigenen Denkens”.

Van Biesen is selber ausgebildeter Maler, aber sein Werk ist hauptsächlich örtlich in diesem Sinn, daß es für einen bestimmten Ort gemacht ist. “Ich fange immer vom Ort selber an”, vertraute er mir an. So wurde er für eine Soloaustellung im Park Ter Beuken in Lokeren eingeladen. Er fing hierfür mit dem bestehenden und angelegten Fußweg an. Er betrachtete den wie einen philosophischen Pfad, einen Pfad, dem man folgt weil man unterwegs nachdenkt. Man philosophiert während des Spaziergangs, man redet mit sich selbst. Dein Gedankengang wird unterbrochen, wenn du ein Werk antriffst. Sein ‘Fluisterhuisje’ (= Flüsterhäuschen) zum Beispiel lehnt an einem Baum und läd dich ein, um hineinzutreten und zu flüstern, du sprichst zu einem Baum, du sprichst eigentlich zu dir selbst.

Ein zeitlich begrenzter, imaginärer Raum

Stefaan van Biesen betrachtet den Park “wie einen imaginären Raum, in dem er sich vorübergehend aufhält”. Er hält sich daran, sein Werk auf den Ort abzustimmen und im gegebenen Ort zu integrieren. Manchmal sind die Werke dadurch schwierig zu finden, weil sie dann so ein wesentlicher Bestandteil der Umgebung werden. Dennoch sind die meisten Werke ganz deutlich verschieden von der Umgebung, verschieden von der Natur.

Das Werk von Van Biesen ist ein stilles Werk, beschaulich und spornt zur Betrachtung, auch zum Erfahren an. Sein ‘Windkamer’ (= Windzimmer), das er in Zonnebeke realisierte, ist ein glänzendes Beispiel davon. Es handelt sich um einen, an einem hohen Baum aufgehängten, kreisförmigen Köcher in schwarzem Tüll, vierzehn Meter hoch mit einem Diameter von 1,80 m. Im Köcher gibt es eine Öffnung, so daß man hineintreten kann. Mitten in der Natur kann man sich mal absondern um dieselbe Natur durch einen schwarzen Schleier zu beobachten, einmal allein sein, auch wenn man für jeden sichtbar ist und die anderen ebenfalls für dich. Es ist ein mentaler Raum, der auf einer großartigen und poetischen Weise wie ein Bündel von schwarzen Sonnenstrahlen, schwarzes Licht, das durch die Bäume fällt, gestaltet wird.

In Transit

Der imaginäre Raum beschäftigt ihn schon seit Jahren. Das Gemälde von da Messina ist auf diesem Gebiet ein Werk, das immer wieder in den Vordergrund getreten ist. Der Arbeitsraum von Girolamo “ist ein offener Platz, es ist ein imaginäres Zimmer, das nur durch den Gedanken, vor jemandes Augen, abgeschlossen werden kann”. Es ist ein Ort, in dem man sowohl “drinnen” als “draußen” ist. Es ist ein orchestrierter Raum, eine Transitzone, ein Platz wo man in und außerhalb der Welt steht. Während der Betrachtung des Gemäldes wird der Zuschauer in die Rolle eines Voyeurs gezwungen, er kann die Szene observieren ohne daran partizipieren zu können. Es ist eine Welt, die nicht die Seine ist oder sein kann.

Ins Werk treten

Stefaan van Biesen gibt seinem Projekt den Titel “skinhuidpeaupelle” . Damit möchte er mehrere Schichten, die im Werk verborgen sind, angeben.

Das Projekt besteht aus einer genauen Holzrekonstruktion des im Gemälde sichtbaren Studios. Die Rekonstruktion ist befreit von jeder Anekdotik, sie zeigt das Arbeitszimmer in dreidimensionaler und reiner, nackter Form, so daß es effektiv als solches funktionieren kann. Es kann von jedem betreten und auf eine oder andere Weise als ein mentaler Raum ausgefüllt oder gebraucht werden. 

Dort wo den Daten, die im Gemälde sichtbar sind, genau gefolgt wird, bleibt natürlich noch die Ausfüllung der nicht sichtbaren Teile. So wird die Pforte links im Bild durchaus ergänzt. Das ist nicht der Fall mit der Hinterseite. Hier ist der Künstler überhaupt nicht gebunden und sieht eine flexibele Installation mit Tischen und Videos vor. Auf den Videoschirmen sind Aufnahmen von den Bibliotheken einiger Bekannten und Freunden zu sehen. Das Buch steht dort als Träger von Erkenntnis, als eines der Mittel, um die Welt zu erkunden.     

     
       
Die Bibliothek von Stef van Bellingen, Kunsthistoricus.              Video-still: 'Skin, must learn how to breathe'
                   

Die Installation wird durch das Anbringen von großen monochromen Tüchern abgerundet, auch diese sorgen für eine Interaktion mit dem Zuschauer, denn Farben haben einen unverkennbaren Einfluss auf unser Verhalten.

Daan Rau 

Für “Openbaar Kunstbezit”, Juni 2002

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